Zu Besuch bei Wendy

 

Zu Besuch bei Wendy

Der Weg nach Pueblo Viejo ist so steil, dass ich Angst habe, der mit Schulkindern überfüllte Pick-Up könnte jederzeit rückwärts den Berg herunterrutschen. Früher fuhren hier noch keine Autos“, erzählt mir Wendy, „da mussten wir die zwei Stunden zur Schule zu Fuss gehen.“ Wendy hat sich für ein Consciente-Stipendium beworben und hofft, ab Januar 2017 mit ihrem Studium in Erziehungswissenschaften beginnen zu können. Seit mehreren Wochen nimmt sie nun auch an unserem Uni-Vorbereitungskurs teil, den eine Gruppe von CONSCIENTE-Stipendiaten für die neuen Bewerberinnen und Bewerber organisiert hat.

Schulbus nach Morazán

Schulbus nach Morazán

 

Nach einer holprigen Stunde mit einigen Überraschungen durch tief hängende Zweige und Kabel erreichen wir endlich Pueblo Viejo. Wendy wohnt mit ihren Eltern und ihren vier jüngeren Geschwistern in einem kleinen Haus aus Lehm. Als wir ankommen, ist die Mutter gerade dabei, das Mittagessen vorzubereiten. Sie füllt meinen Teller mit Reis, Bohnen, Eiern, Tortillas und selbst gebackenem Brot. „Manchmal backe ich Brot für den Verkauf“, erzählt sie, „aber das lohnt sich nicht wirklich, denn hier in Pueblo Viejo hat kaum jemand Geld, um mir etwas abzukaufen“. Wendys Mutter ist Hausfrau. Ihr Vater ist Bauer und pflanzt auf einem gepachteten Stück Land Mais und Bohnen. Wenn die Ernte gut ist, kann er manchmal für ein paar Dollar etwas verkaufen.

Wendy und ihre Familie vor ihrem Haus

 

Pueblo Viejo wird gefährlich
Wendy erzählt mir, dass sich in Pueblo Viejo in den letzten Monaten viel verändert hat. Im letzten Dezember sei plötzlich ein Junge ermordet worden, und ein paar Wochen später auch sein Vater. Zwei Kinder dieser Familie seien anschliessend in die Berge oberhalb vom Dorf geflüchtet, wo sie sich nun mit Diebstahl durchschlagen. „In fast alle Häuser im Dorf sind sie schon eingebrochen; auch bei uns“, meint Wendy. „Und einmal hat der Jüngere der beiden – er ist erst etwa 13 – ein 11-jähriges Mädchen vergewaltigt. Das macht mir Angst und ist furchtbar. Die beiden sind ja noch Kinder. “

 

„Ich würde hier so viel verändern.“

„Wenn ich könnte, würde ich hier so viel verändern“, erzählt mir Wendy weiter, „aber insbesondere möchte ich etwas für behinderte Kinder tun. Mein kleiner Bruder hat eine Sprechbehinderung. Aber an seiner Schule weiss niemand, wie man damit umgehen soll und so macht er kaum Fortschritte. Kinder wie er müssen gefördert werden. Hier besteht aber fast kein Bewusstsein für dieses Thema.“ Wendy ist bereits seit Längerem sozial engagiert. So hat sie etwa am ersten Jugendkongress von Morazán (siehe Projektbericht April – August 2016) teilgenommen und ist nun auch Teil unserer neu gegründeten Freiwilligengruppe «Juventud Consciente».

Zudem ist sie auch eine engagierte Schülerin: „Ich habe die Schule und das Lernen schon immer gemocht“, verrät sie. „Man könnte sogar sagen, dass meine Eltern ein wenig stolz auf mich sind. Darauf, dass ich nun das Gymnasium abgeschlossen habe. Und darauf, dass ich gute Noten hatte.“ Wendys grösster Traum besteht nun darin, an der Universität studieren zu können. „Ich möchte etwas aus mir machen, etwas in dieser Gesellschaft bewirken und vor allem meine Familie unterstützen können“, sagt sie.

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Wendy am 1. Jugendkongress von Morazán

Auf dem Heimweg überrascht uns ein Gewitter, das die steile Strasse innerhalb von Minuten in einen reissenden Bach verwandelt. Gerade noch rechtzeitig finden wir bei Wendys Cousin Denis Unterschlupf. Denis wohnt alleine mit seinem jüngeren Bruder. Sein Vater hat ihn schon verlassen, als Denis ein Kleinkind war und seine Mutter, die in die USA ausgewandert ist, unterstützt die beiden Brüder nur selten. Auch er hat sich für ein Consciente-Stipendium beworben – für sein Studium in Agrarwissenschaften. Während wir darauf warten, dass der Regen nachlässt, erzählt er uns, dass er einer Jugendorganisation von Pueblo Viejo angehört und als deren Vertreter ebenfalls am Jugendkongress teilnehmen konnte. Der letzte grosse Freiwilligeneinsatz der Gruppe bestand in einer gross angelegten Strassenreparatur, bei der das ganze Dorf mitgeholfen hat. Als wir uns wieder auf den steilen und rutschigen Weg machen, bin ich sehr dankbar für dieses Engagement.

Zu Besuch bei Wendy

Zu Besuch in Pueblo Viejo

Paten gesucht

Für das nächste Jahr sind wir nun dringend auf Paten und Patinnen für Wendy, Denis und 8 weitere junge Menschen angewiesen. Wenn Du dir vorstellen kannst, etwas abzugeben, um das Leben einer Person auf der anderen Seite der Erde zu verändern, dann melde Dich bei uns, um Dich als Pate oder Patin anzumelden oder um genauere Informationen zu erhalten.