Das Studierendenwohnheim wird eröffnet

Letzte Woche sind 17 junge Menschen  aus den ärmsten ländlichen Regionen des Departements in unser neu eröffnetes Studierendenwohnheim eingezogen und konnten so mit ihrer Ausbildung beginnen. Neben ihrem Studium werden die Jugendlichen an wöchentlichen Workshops teilnehmen und die üblichen 180 Stunden Sozialeinsatz leisten. Mit ihnen zählt das Stipendienprogramm nun stolze 61 Stipendiatinnen und Stipendiaten!

Kurzbeschrieb des Projektes

Das Studierendenheim soll jungen Menschen aus armen, ländlichen Gemeinden eine Ausbildung an der neu eröffneten technischen Hochschule in San Francisco Gotera ermöglichen. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten Kost und Logis in einem von uns betriebenen Internat und ein Taschengeld zur Bezahlung der Studiengebühren. Als Gegenleistung nehmen sie an einem Bildungsprogramm teil und müssen gemeinsam soziale Projekte planen und durchführen. So sollen sie darauf vorbereitet werden, ihr im Studium erworbenes Wissen zu teilen und in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.

Eröffnung einer technischen Hochschule in Gotera

Ende letzten Jahres gab es einen grossartigen bildungspolitischen Erfolg zu verzeichnen. Eine langjährige Kampagne für tertiäre Bildung in Morazán, die CONSCIENTE gemeinsam mit lokalen Jugendorganisationen geführt hatte, war endlich erfolgreich: Ende März 2017 wurde in San Francisco Gotera, der Departementshauptstadt von Morazán, eine technische Hochschule eröffnet. Mit dieser ESCUELA TÉCNICA rückt der Traum eines Studiums für viele junge Menschen wortwörtlich näher, und zwar endlich ins eigene Departement. Die ESCUELA TÉCNICA ist eine Erweiterung der Universidad de El Salvador (UES) – der öffentlichen Universität von El Salvador, unterliegt aber einer eigenen Verwaltung. Seit März 2017 werden dort drei technische Studiengänge angeboten:

  • Nachhaltige Landwirtschaft (3 Jahre)
  • Lokale Entwicklung (2 Jahre)
  • Ökologischer und kultureller Tourismus (2 Jahre)

Die Studiengänge sind, basierend auf einer Studie der Universidad de El Salvador, auf die Probleme und Bedürfnisse im Departement abgestimmt. Technische Studiengänge sind insbesondere für Jugendliche aus armen Verhältnissen sehr attraktiv. Aufgrund ihrer kürzeren Dauer stellen sie eine kleinere finanzielle Last für die Familien dar und ermöglichen den Jugendlichen einen schnelleren Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Fehlplanungen von Seiten der Autoritäten

Trotz des grossen Bildungsinteresses der Jugendlichen war die technische Hochschule kurz davor, mit leeren Klassenzimmern – oder gar nicht – in ihr erstes Jahr zu starten. Ein paar Wochen vor Ablauf der Einschreibefristen war das Ziel von 60 Studierenden noch lange nicht erreicht: Viele Jugendliche wussten nichts vom neuen Bildungsangebot und auch ein technisches Studium in Gotera ist für viele junge Menschen unerreichbar. Die nach wie vor oft grossen Distanzen zwingen die Jugendlichen entweder zu zeit- und kostenaufwändigem Pendeln oder zu einer teuren und schwierigen Zimmermiete in der Kleinstadt – beides liegt für viele Familien finanziell nicht drin. Tertiäre Bildung ist damit zwar näher gerückt und erschwinglicher geworden, doch für viele sind Entfernung und Kosten noch immer zu hoch.

Infolge von bürokratischer Ineffizienz und universitätsinternen Machtkämpfen hatte sich der Ratifizierungsprozess der ESCUELA TÉCNICA stark verzögert: Erst Ende Januar – kurz vor Ablauf der Semestereinschreibefrist – wurde die Eröffnung der Hochschule bestätigt. Da zu diesem Zeitpunkt das Schuljahr bereits zu Ende war, konnte man die Jugendlichen nicht mehr direkt an den Gymnasien über das neue Bildungsangebot informieren. Damit das neue Bildungsangebot nicht ungenutzt blieb, nahm CONSCIENTE in Zusammenarbeit mit lokalen Jugendorganisationen diverser Gemeinden eine intensive Informationskampagne in Angriff. Wir besuchten alle Radio- und Fernsehsender in der Region und schickten Vertreter und Vertreterinnen in nahezu jedes Dorf, um Sitzungen mit lokalen Jugendlichen abzuhalten. Dank dieser Verbreitung von Informationen zur ESCUELA TÉCNICA und zum STUDIERENDENHEIM, konnte das Ziel von 60 Studierenden (20 pro Studiengang) erreicht werden. Knapp die Hälfte der zukünftigen Studierenden hat sich auch für ein Stipendium bei uns – entweder für einen Platz im Studierendenheim oder für ein monetäres Stipendium –  beworben.

Ana VerAna Veronicaonica Fuentes Cortéz, 23 (wohnt seit Ende März 2017 im Studierendenheim und studiert lokale Entwicklung)

“Ich heisse Ana Veronica Fuentes Cortéz und ich lerne sehr gerne. Am liebsten würde ich studieren, um meine Familie zu unterstützen, jemand zu sein im Leben, etwas für meine Gemeinde tun zu können…  Leider konnte ich nach dem Gymnasium nicht weitermachen. Das ist jetzt zwei Jahre her. Ausser mir sind vier meiner Geschwister in der Schule und da reicht das Geld nicht, damit ich studieren kann. Wir leben zu zehnt in unserem Haus. Mein Vater ist Landarbeiter und meine Mutter macht den Haushalt und kümmert sich um die Kleinen. Seit meinem Schulabschluss helfe ich ihr und meinem Vater wo ich kann. Sie haben zwar immer gesagt, dass man seinen Träumen folgen soll und sich anstrengen muss, aber wenn es halt nicht geht…

Neben dem Geld ist auch die Distanz ein grosses Hindernis. Unser Haus ist sehr abgelegen. Vorher hätte ich bis nach San Miguel in den nächsten Kanton reisen müssen, um an der Uni zu studieren. Mit der Escuela Técnica liegt die nächste Hochschule in Gotera, das ist 1.5 Stunden näher. Aber auch Gotera ist weit weg. Von unserem Haus muss ich etwa eine Stunde über Trampelpfade bis zur Strasse gehen, wo der Bus fährt – vorausgesetzt, dass ich zügig laufe. Von dort nehme ich den Bus bis nach Cacaopera, das dauert eine Stunde. Von dort muss ich in den Bus nach Gotera umsteigen. Der fährt dann nochmal etwa eine halbe Stunde.

In der Regenzeit ist der Weg besonders beschwerlich. Die Wege und Strassen verwandeln sich in Schlammpisten, und sogar die Autos bleiben stecken. Der Weg bis zum Bus ist dann noch schwieriger. Und diesen Hang vor unserem Haus muss man dann ganz vorsichtig hinuntersteigen. Man muss aufpassen, dass man nicht ausrutscht und sich dreckig macht, vor allem mit Tüten oder Rucksäcken. Einmal bin ich auf dem Weg zur Schule ausgerutscht und dabei wurden alle meine Hefte mit Schlamm vollgeschmiert, obwohl ich sie in einer Plastiktüte hatte. Ich musste sie dann in der Schule saubermachen, so gut es ging. Meine Freundin hat ganz furchtbar gelacht, aber nur, weil ich sie mal ausgelacht habe, als sie auf dem Schulweg in einen Bach fiel und ganz nass wurde.

Der Bus nach Cacaopera fährt nur alle zwei Stunden. Um den ersten Bus zu erwischen, der um sechs an der Strasse losfährt, müssen wir um halb 5 Uhr früh von zuhause loslaufen. Und um abends noch nach Hause zu kommen, müssen wir um vier Uhr den Bus in Cacaopera nehmen. Wenn ich also studieren würde und nachmittags Kurse hätte, könnte ich nicht mehr nach Hause fahren.

Deshalb denke ich, dass die Casa Estudiantil eine gute Idee ist. So haben junge Menschen wie ich mehr Zugang zu Hochschulbildung, und statt viel Zeit mit der An- und Abreise zu vergeuden, können wir vielleicht in der Zeit die Hausaufgaben machen oder lernen.  Das finde ich sehr gut. Auch sind wir ja dann viele Studentinnen und Studenten in dem Haus und können voneinander lernen. Vielleicht hat jemand das gleiche Studienfach wie ich und wir können uns gegenseitig helfen. Auch leben wir ja dann in einer Gemeinschaft, ein bisschen wie eine Familie. Alle kennen wir die gleichen Probleme und wollen uns weiterentwickeln. Das gefällt mir.

Da wir die vollständigen Kosten für die gesamte Projektspanne noch nicht absichern konnten, sind wir momentan noch auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten. Was den Lauf des Projektes angeht, werden wir euch auf dem Laufenden halten.